Difference between revisions of "Deutsche Heimkehrer LFS000236 1)"

Line 26: Line 26:
 
Pappschild "Wir danken dem Führer".  
 
Pappschild "Wir danken dem Führer".  
 
Einzelne Reisende an Zugfenstern.
 
Einzelne Reisende an Zugfenstern.
 +
|Contexte_et_analyse_de=Koffer, Matratzen, Fahrräder, Futter für die Tiere – die Wagen sind übervoll beladen: Kuh- und Pferdegespanne ziehen im Juni 1940 durch die Straßen von Lahr. Als der Frankreichfeldzug begann und die deutschen Truppen über den Rhein setzten, wurden neun Gemeinden des Rheinkreises auf Anordnung des Oberkommandos der Wehrmacht geräumt. Ab dem 21. Juni konnten sie schon nach wenigen Tagen wieder zurückkehren.
 +
 +
Der Film, der wahrscheinlich im Auftrag der Stadt Lahr entstand, zeigt beides, den Zug der Evakuierten und ihre Rückkehr mit geschmückten Gespannen. Doch zuvor zeigt er Soldaten, die durch die Straßen fahren und marschieren: eine motorisierte Einheit mit Flugabwehrgeschützen bei Sonnenschein, eine berittene Einheit auf regennasser Straße – Truppenbewegungen in Lahr, die sich nicht näher bestimmen lassen. Der Frankreichfeldzug (‚Fall Rot‘) begann am 5. Juni 1940, zuvor hatten im Mai Belgien, Holland und Luxemburg bereits kapituliert.
 +
 +
Friedensbeteuerungen einerseits, Kriegsvorbereitung andererseits, so stellte sich die Politik des Nazi-Regimes nach der Machtübernahme dar. Bereits am 3. Februar 1933 erhob Adolf Hitler in einer Geheimrede vor den ranghöchsten Offizieren die Forderung nach neuem ‚Lebensraum im Osten‘. Es waren weit offensivere Ziele als die Wiederherstellung der deutschen Grenzen aus der Zeit vor dem Versailler Vertrag, der Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur zu Abrüstung und Reparationszahlungen an die Siegermächte verpflichtet hatte, sondern auch zur Abtretung Elsaß-Lothringens. Demgegenüber sollten mit dem Austritt aus dem Völkerbund im Oktober 1933 die internationalen Rüstungsbeschränkungen und -kontrollen umgangen werden. Mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im März 1935 hob das Deutsche Reich sämtliche militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrags einseitig auf.
 +
 +
Die Infragestellung des Grenzverlaufs im Westen war nicht nur politisch motiviert – gestützt wurde sie zudem durch die zeitgenössische Wissenschaft, die ‚Grenzlandforschung‘ insbesondere auch an einer grenznahen Universität wie Freiburg. Die Auflösungserscheinungen des Ersten Weltkriegs galten als Höhepunkt einer Krise, der die Wissenschaft mit Kohärenz- und Ordnungsentwürfen begegnete: Das wissenschaftliche Denken nach dem Ersten Weltkrieg wirkte sich auf die räumliche und völkische Neuordnung aus. Die nationalsozialistische Politik war auch die gewaltsame Umsetzung dieser Neuordnungspläne, verbunden mit einem neuen ‚Mythos des 20. Jahrhunderts‘, der umfassenden Erzählung von der Vorrangstellung der arischen Rasse des NS-Propagandisten Alfred Rosenberg.
 +
 +
Die Lahrer Zeitung vom 26. Juni 1940 erzählt in einem Artikel eine kleine, lokale Geschichte von der großen Neuordnung: „Frohe Heimkehr ins unversehrte Dorf“. Zum Höhepunkt wird die „befreiende Kunde“ von den deutschen Soldaten, die den Rhein überschritten haben. Mit „harten Waffenschlägen“ haben sie die „Bedrohung der Heimatgemeinden“ an einem Tag beseitigt. Erst kurz vor dem Ausbruch der Kampfhandlungen seien die Gemeinden evakuiert worden. „Alle haben sie gemeinsam diese schweren Stunden getragen, sie haben sich gegenseitig geholfen und unterstützt, sie haben sich unter dem fern rollenden Kanonendonner Trost und Hoffnung auf eine freiere und bessere Zukunft zugesprochen.“ Der Inbegriff all dessen, was das Denken und Fühlen dieser Menschen bestimmte, sei die Inschrift auf einem geschmückten Wagen bei der Rückkehr: „Dank unserem Führer, nun sind wir kein Grenzland mehr!“
 +
 +
Die Geschichte, die der Zeitungsartikel erzählt, ist das eine, die Bilder des Films das andere. Diese bewegten Bilder halten fest, was sich in sie einzeichnet – und sich den großen und kleinen Geschichten entzieht, die ihnen übergestülpt werden. Die weißen Ohrenhauben der Pferde, die der Kamera entgegenkommen, sind ähnlich wichtig wie die Hakenkreuzfahne, die im Hintergrund an einem Haus hängt. Die Spuren des Wirklichen, die sich in den Film einschreiben, verweisen auf die Wirklichkeit, die der Zug der Evakuierten in seiner Bewegung hervorbringt. Diese Wirklichkeit tritt hervor in ihren vielfältigen Erscheinungen: dem Schatten eines Kutschers, dem Mädchen vorne auf einem Gespann, dem umgestülpten Kinderwagen im Sonnenlicht, dem Polizisten, der auf der sonnenglänzenden Straße steht. Das Schild mit der Aufschrift „Richtung Heimat“ markiert dann die andere Stimmung der Rückkehrer, und in der gelassenen Vorwärtsbewegung deutet sich eine Heimatgemeinde an, die sichtbar wird diesseits der verordneten Volksgemeinschaft.
 +
 +
Die Einwohner von Kehl wurden bereits im Herbst zuvor evakuiert, nachdem am 1. September 1939 mit dem Überfall Deutschlands auf Polen der Zweite Weltkrieg begonnen hatte. „Wir dürfen heim nach Kehl“ – das Schild hängt in einem Zugfenster am Bahnhof Lahr-Schlüssel. Vor allem Frauen und Kinder steigen am 26. Juni 1940 von einem Sonderzug um in die ‚Straßenbahn‘, eine Schmalspurbahn der Mittelbadischen Eisenbahngesellschaft. Im Vordergrund an der Bahn steht in Uniform Richard Burk, der Kreisleiter der NSDAP – eine Szene des Transits aus einem Krieg, der auch nach dem Sieg weitergeht im Namen einer expansiven Neuordnung.
 +
Reiner Bader
 
}}
 
}}

Revision as of 17:03, 31 March 2020


 Warning[1]

Events filmed or related


Evakuierung deutsche Bevölkerung, deutsche Truppentransporte über den Rhein, Zerstörungen im Elsass

Abstract


Evakuierte Einwohner aus dem Kreis Lahr auf dem Weg in ihre neuen Unterkünfte (Anfang Juni 1940) u. deren Rückkehr (21. bis 23. Juni 1940) mit Pferde- und Kuhgespannen bei der Fahrt durch Lahr; Rückkehr der Evakuierten aus Kehl in einem Sonderzug der Mittelbadischen Eisenbahngesellschaft am Bahnhof Lahr-Schlüssel (26. Juni 1940)

Description


Mit Hausrat vollbeladene Leiter- und Pritschenwagen, gezogen von Pferde- bzw. Kuhgespannen, auf der Fahrt durch Lahr. Holzschild, an einem Pferdefuhrwerk befestigt, mit Text "Richtung Heimat". Zug von blumengeschmückten Wagen, gezogen von Pferden bzw. Kühen, vollbeladen mit Hausrat, besetzt mit fröhlichen Menschen, auf der Fahrt durch Lahr. Menschenmenge vor dem Bahnhof Lahr-Schlüssel. Pappschild "Wir dürfen heim nach Kehl". Richard Burk vor einem am Bahnhof Lahr-Schlüssel wartenden Sonderzug der Mittelbadischen Eisenbahngesellschaft (MEG). Südseite des Straßburger Münsters. Gruppe von Mädchen, alle mit Blumensträußchen in der Hand, beim Einsteigen in den Zug nach Kehl. Pappschild "Wir danken dem Führer". Einzelne Reisende an Zugfenstern.

Metadata

Reference / film number :  LFS00236 1
Date :  1940
Coloration :  Black and white
Sound :  Mute
Timecode :  00:09:42
Running time :  00:09:42
Reel format :  16 mm
Genre :  Documentary
Thematics :  Borders, War, Second World War : German occupation - Annexation of Alsace
Archive :  Haus des Dokumentarfilms

Context and analysis


Koffer, Matratzen, Fahrräder, Futter für die Tiere – die Wagen sind übervoll beladen: Kuh- und Pferdegespanne ziehen im Juni 1940 durch die Straßen von Lahr. Als der Frankreichfeldzug begann und die deutschen Truppen über den Rhein setzten, wurden neun Gemeinden des Rheinkreises auf Anordnung des Oberkommandos der Wehrmacht geräumt. Ab dem 21. Juni konnten sie schon nach wenigen Tagen wieder zurückkehren.

Der Film, der wahrscheinlich im Auftrag der Stadt Lahr entstand, zeigt beides, den Zug der Evakuierten und ihre Rückkehr mit geschmückten Gespannen. Doch zuvor zeigt er Soldaten, die durch die Straßen fahren und marschieren: eine motorisierte Einheit mit Flugabwehrgeschützen bei Sonnenschein, eine berittene Einheit auf regennasser Straße – Truppenbewegungen in Lahr, die sich nicht näher bestimmen lassen. Der Frankreichfeldzug (‚Fall Rot‘) begann am 5. Juni 1940, zuvor hatten im Mai Belgien, Holland und Luxemburg bereits kapituliert.

Friedensbeteuerungen einerseits, Kriegsvorbereitung andererseits, so stellte sich die Politik des Nazi-Regimes nach der Machtübernahme dar. Bereits am 3. Februar 1933 erhob Adolf Hitler in einer Geheimrede vor den ranghöchsten Offizieren die Forderung nach neuem ‚Lebensraum im Osten‘. Es waren weit offensivere Ziele als die Wiederherstellung der deutschen Grenzen aus der Zeit vor dem Versailler Vertrag, der Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur zu Abrüstung und Reparationszahlungen an die Siegermächte verpflichtet hatte, sondern auch zur Abtretung Elsaß-Lothringens. Demgegenüber sollten mit dem Austritt aus dem Völkerbund im Oktober 1933 die internationalen Rüstungsbeschränkungen und -kontrollen umgangen werden. Mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im März 1935 hob das Deutsche Reich sämtliche militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrags einseitig auf.

Die Infragestellung des Grenzverlaufs im Westen war nicht nur politisch motiviert – gestützt wurde sie zudem durch die zeitgenössische Wissenschaft, die ‚Grenzlandforschung‘ insbesondere auch an einer grenznahen Universität wie Freiburg. Die Auflösungserscheinungen des Ersten Weltkriegs galten als Höhepunkt einer Krise, der die Wissenschaft mit Kohärenz- und Ordnungsentwürfen begegnete: Das wissenschaftliche Denken nach dem Ersten Weltkrieg wirkte sich auf die räumliche und völkische Neuordnung aus. Die nationalsozialistische Politik war auch die gewaltsame Umsetzung dieser Neuordnungspläne, verbunden mit einem neuen ‚Mythos des 20. Jahrhunderts‘, der umfassenden Erzählung von der Vorrangstellung der arischen Rasse des NS-Propagandisten Alfred Rosenberg.

Die Lahrer Zeitung vom 26. Juni 1940 erzählt in einem Artikel eine kleine, lokale Geschichte von der großen Neuordnung: „Frohe Heimkehr ins unversehrte Dorf“. Zum Höhepunkt wird die „befreiende Kunde“ von den deutschen Soldaten, die den Rhein überschritten haben. Mit „harten Waffenschlägen“ haben sie die „Bedrohung der Heimatgemeinden“ an einem Tag beseitigt. Erst kurz vor dem Ausbruch der Kampfhandlungen seien die Gemeinden evakuiert worden. „Alle haben sie gemeinsam diese schweren Stunden getragen, sie haben sich gegenseitig geholfen und unterstützt, sie haben sich unter dem fern rollenden Kanonendonner Trost und Hoffnung auf eine freiere und bessere Zukunft zugesprochen.“ Der Inbegriff all dessen, was das Denken und Fühlen dieser Menschen bestimmte, sei die Inschrift auf einem geschmückten Wagen bei der Rückkehr: „Dank unserem Führer, nun sind wir kein Grenzland mehr!“

Die Geschichte, die der Zeitungsartikel erzählt, ist das eine, die Bilder des Films das andere. Diese bewegten Bilder halten fest, was sich in sie einzeichnet – und sich den großen und kleinen Geschichten entzieht, die ihnen übergestülpt werden. Die weißen Ohrenhauben der Pferde, die der Kamera entgegenkommen, sind ähnlich wichtig wie die Hakenkreuzfahne, die im Hintergrund an einem Haus hängt. Die Spuren des Wirklichen, die sich in den Film einschreiben, verweisen auf die Wirklichkeit, die der Zug der Evakuierten in seiner Bewegung hervorbringt. Diese Wirklichkeit tritt hervor in ihren vielfältigen Erscheinungen: dem Schatten eines Kutschers, dem Mädchen vorne auf einem Gespann, dem umgestülpten Kinderwagen im Sonnenlicht, dem Polizisten, der auf der sonnenglänzenden Straße steht. Das Schild mit der Aufschrift „Richtung Heimat“ markiert dann die andere Stimmung der Rückkehrer, und in der gelassenen Vorwärtsbewegung deutet sich eine Heimatgemeinde an, die sichtbar wird diesseits der verordneten Volksgemeinschaft.

Die Einwohner von Kehl wurden bereits im Herbst zuvor evakuiert, nachdem am 1. September 1939 mit dem Überfall Deutschlands auf Polen der Zweite Weltkrieg begonnen hatte. „Wir dürfen heim nach Kehl“ – das Schild hängt in einem Zugfenster am Bahnhof Lahr-Schlüssel. Vor allem Frauen und Kinder steigen am 26. Juni 1940 von einem Sonderzug um in die ‚Straßenbahn‘, eine Schmalspurbahn der Mittelbadischen Eisenbahngesellschaft. Im Vordergrund an der Bahn steht in Uniform Richard Burk, der Kreisleiter der NSDAP – eine Szene des Transits aus einem Krieg, der auch nach dem Sieg weitergeht im Namen einer expansiven Neuordnung.

Reiner Bader



  1. This film analysis is still in progress. It may therefore be incomplete and contain errors.